David Grözinger
Vernissage David Grözinger, „Frisch gepresst“, Sparkasse Sinsheim, 30.11.2006

Laudatio:

Maria Lucia Weigel, M.A.

Kunsthistorikerin Heidelberg

 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

nachdem David Grözinger vor drei Jahren bereits mit Arbeiten in der Sparkasse Kraichgau in Bretten zu Gast war, präsentiert der Künstler in der diesjährigen Ausstellung erneut einen Ausschnitt seines aktuellen Schaffens, diesmal in Sinsheim und unter dem Titel „Frisch gepresst“. Dieser Ausstellungstitel spielt mit einer Assoziation zur Farbe Orange, die die hier gezeigten Arbeiten dominiert. Die Wahl dieses Farbtons entspricht zur Zeit einer persönlichen Vorliebe des Künstlers und stellt als Kriterium der Zusammenstellung der Arbeiten insofern einen konzeptuellen Ausstellungsansatz dar. Aus der Frucht, der Orange, läßt sich Saft pressen, der dieselbe Farbigkeit aufweist wie das flüssige Malmittel, aus dem heraus die Malerei von David Grözinger entwickelt ist.

 

Die Arbeiten, die Sie hier sehen, vereinen unterschiedliche Gestaltungsstrategien in ein und demselben bildlichen Kontinuum. Diese vielfältigen Ebenen von Bildsprache stellen je ihre

eigenen Anforderungen an die Wahrnehmungsfähigkeit des Betrachters. Versatzstücke von Gegenständlichkeit sind ebenso in das Bild integriert wie abstrahierte Partien, gestisch freier Farbauftrag steht neben akkurat angelegten Formfindungen. Und nicht nur dies. Perspektivische Bildgestaltung in der Tiefe des Bildraumes wird durch volumengebende Modellierung und illusionistische Verschattung einzelner Elemente erreicht; diffuse Farbigkeit oder bestimmte, optisch zurücktretende Farbwerte erschließen einen sich in die Tiefe öffnenden Bildraum. Sogleich aber wird diese in sich scheinbar schlüssige Vorgehensweise des Bildaufbaus in einem nächsten Arbeitsschritt widerrufen. Eine räumliche Bildkonzeption wird von ausschließlich in der Fläche gestalteten Bildelementen überlagert

und umgekehrt. Die Parameter der Bildgestaltung wechseln von Malschicht zu Malschicht, von einer Bildpartie zur benachbarten. Die sich auf Seiten des Betrachters einstellende Irritation ist ein Hinweis auf das Gelingen des künstlerischen Anliegens. David Grözinger durchbricht mit seinen Arbeiten die eingeübten Denk- und Sehgewohnheiten; er befreit den Blick für das eigentliche Anliegen von Malerei: die Malerei selbst als eigenständige Wirklichkeit.

Dabei bedient sich der Künstler des gesamten gestalterischen Ausdrucksrepertoires. Er schöpft die Möglichkeiten, die Malerei bietet, aus, um sich einer eindeutigen Zuordnung, einer eindeutigen Lesbarkeit seiner Arbeiten zu entziehen. Sie verbleiben in einem offenen Stadium, das die sehende Mitwirkung des Betrachters wünscht und fordert. Der Maler gibt sich selbst und dem Betrachter die Freiheit, je eigene Wahrnehmungsrealitäten in die Schau miteinzubringen. Auch deshalb verzichtet der Künstler auf eine Titelgebung zu seinen Arbeiten.

 

David Grözinger arbeitet in seinen Gemälden aus der größtmöglichen Gegensätzlichkeit heraus. Hinter diesem Ansatz steht der Anspruch, die Gesamtheit des kognitiven und intuitiven Erlebens in die bildliche Umsetzung einzubeziehen. So kann man diese Arbeiten auch als Ausdruck menschlichen Welterlebens lesen.

Gegensätzlichkeit findet sich zunächst in technischer Hinsicht. Unterschiedlichste Farben, Acrylfarbe, Ölfarbe, Beizen, Lacke, werden auf Leinwände oder Hartfaser- und Press-spanplatten aufgebracht, ihnen kann sogar weiteres Material, wie etwa Sägespäne, beigemengt werden. In diesem speziellen Fall einer so materiereichen Malmasse läßt sich eine Verbindung ziehen zu früher entstandenen Arbeiten des Künstlers, die sich vom Bildkörper in die Dreidimensionalität des realen Raumes hinein entwickelten.

 

Die Zusammensetzung dieser so unterschiedlichen Malmittel, die auf dem Bildträger selbst gemischt werden, löst chemische Reaktionen aus, deren Ausgang ungewiß ist. Die Farben selbst geraten in Bewegung; Abstoßungsreaktionen finden statt und erzeugen expressive Strukturen, die dann als Ausgangspunkt für weitere Gestaltungsschritte dienen. Der Künstler experimentiert mit seinem Material, er überläßt sich den Überraschungen, die ihm der Zufall bietet, um sie künstlerisch auszudeuten. Die Vehemenz des Farbauftrags hinterläßt Spuren auf dem Malgrund. Farbe fließt, verwischt. Das Auftragen der Malmaterie erfolgt nicht ausschließlich mit dem Pinsel; flüssige Farbe kann aufgesprüht werden, sie erzeugt dann eine leichte Unschärfe in der Konturierung der Farbführung, die in Verbindung mit der Schnelligkeit der Ausführung die Assoziation zu gesprayten Graffiti wachruft.

Gestisch frei formulierte Bildelemente stehen stilisierten gegenständlichen Anmutungen gegenüber; die Unschärfe aufgesprühter Bildpartien dem viellinigen Geflecht von Einritzungen, Grattagen. Leuchtende Farbigkeit kontrastiert mit dunkeltonigen Bildfeldern.

 

Dieses Arbeiten in gestalterischen Gegensätzen ist ein malerisches Äquivalent für eine Fülle von Themen, die in der Malerei von David Grözinger aufgerufen werden.

Figuration findet sich allenthalben etwa in Form von Silhouetten des menschlichen Körpers oder einzelner Körperteile ins Bild gebracht. Schemenhaft tauchen Gestalten im Bild auf, werden in weiteren Schritten wieder übermalt oder behaupten ihre Präsenz auf dem Bildträger. Mit Kugelschreiber werden sie in zahllosen, flüssig geführten Konturierungen bestätigt oder mit einer detailreichen farbigen Binnenzeichnung versehen. Naturähnlichkeit ist Konvention. Malerei ist Arbeit mit Farbe und Form, und ein abbildhaftes Gestalten kann immer auf diese malerischen Grundlagen zurückgeführt werden. So können abbildhaften Bildelementen andere zur Seite gestellt werden, die ebenfalls aus der Farbe und Form heraus gedacht werden, aber keine Wirklichkeitsabschilderung darstellen. Chiffren schweben vor dem vielschichtigen Geflecht der Gemälde. Es sind dies abstrahierte Formen, die Träger bildlichen Ausdrucks sind, ohne darüber hinaus eine lesbare Botschaft zu übermitteln. Schablonenartig ausgeschnittene Bildelemente können auf die Oberfläche des Bildes aufgelegt erscheinen. Der schwungvolle Duktus der Umrisse dieser kompakten farbigen Formfindungen steht dann in größtmöglichem gestalterischen Gegensatz zu einer mit dünnem Farbstift ausgeführten Ornamentierung, die die gezeichnete Linie zur Geltung bringt. Linien in gemalter Ausführung geben den Gemälden eine Grundstruktur. Sie akzentuieren schon vorhandene Bildelemente und füllen mäandrierend leeren, noch ungestalteten Bildraum.

 

Die eigenständige bildliche Realität hat stets Priorität vor allen anderen Wahrnehmungen. Sie entsteht in einem wohl reflektierten, nicht rauschhaften Akt des Malens. Eine Aktion zieht eine oft gegenteilige Reaktion nach sich; so bleibt die intuitiv empfundene Balance der Bildschöpfung erhalten. Diese Vorgehensweise erlaubt kein Arbeiten in Serien, wohl aber sind die Arbeiten von David Grözinger untereinander verwandt.

 

Lassen Sie sich ein auf diese Art der Wirklichkeit, die sich nur mit Malerei erschaffen läßt und im Wort unübersetzt bleiben muß.